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Works

Tagebuch eins

Jana MüllerJana MüllerJana Müller

Antwort, Amboss, Auge, Beet, Binde, blau, Bügel, Buche, Buchrücken, Buxbaum, Dachstuhl, Dunkelkammer, Fragen, Gloria, grau, Hausschwamm, Hausrat, Kammer, Keller, Kragen, Konstruktion, Lücken, Mahagoni, Müller, Münzen, Nadelfilz, Nippes, Pullunder, Raster, Schießkarten, Schlüssel, Schrankwand, Schrecken, Schuster, Schwager, Schweigen, Sektkelch, System, Taschenrechner, Teilung, Teppich, Treppe, Versteck, Wiege, Zeit

TAGEBUCH eins  –  Eine Installation von Jana Müller

Spuren / Fährten
Eine Hausdurchsuchung hat stattgefunden. Fotos von Schränken, die in ihren geöffneten Fächern Hausrat, neben Büchern und Kleidungsstücken preisgeben, ein Grundriss des Hauses, der Maßstab eines der Zimmer auf dem Fußboden der Galerie, ein Video, in dem immer wieder das Öffnen und Schließen einer Tür zu sehen ist, scheinen die Suche rekonstruieren zu wollen. Die Fotografie eines mit einem grauen Einband versehenen Heftchens mit der Aufschrift „Tagebuch eins“, das, so haben die “Ermittlungen” ergeben 20 cm lang und 15 cm breit ist, könnte Aufschluss über die Durchsuchten geben - es bleibt aber verschlossen.

Jana Müller hat aus ihrem Elternhaus ein kriminalistisches Objekt werden lassen, dass sie dokumentarisch zu begehen scheint. Was sie sucht oder zu finden hofft, bleibt dabei ungewiss - die Dokumente liefern keine Beweise, keine Informationen, keine Aufschlüsse über das, was entdeckt werden soll. Die Dokumente scheinen daher weniger die Suche nach etwas wiederzugeben, als vielmehr Spuren zu sein, welche die Künstlerin über sich selbst legt. Die Installation TAGEBUCH eins von Jana Müller bewegt sich somit zwischen Spuren finden und selbst Fährten legen, mit der gleichzeitig die Hoffnung auf eine lückenlose Rekonstruktion des Anderen und des eigenen Ichs bezweifelt wird. Dabei verknüpft sie, die der Fotografie zugeschriebenen Eigenschaften mit der Problematik der Bedeutungsfindung.

Erinnerungen
Erinnerungen bieten uns keinen unmittelbarer Zugang zu etwas Vergangenem. Indem wir uns an etwas erinnern, hat es bereits in unserem Bewusstsein eine Sinn- und Bedeutungszuweisung erfahren. Werden Erinnerungen zu medialen Äußerungen, geraten sie in ein System von Zeichen, das sich durch seine Arbitrarität kennzeichnet und damit weniger einen Bezug zur Wirklichkeit hat, als vielmehr etwas Vergangenes auf eine bestimmte Art und Weise repräsentiert. Wenn wir Fotografien und Schriftliche Zeugnisses von etwas vergangenem Sehen oder Lesen, dann haben wir nicht das stattgefunden Ereignis vor Augen, sondern eine bestimmte mediale Verarbeitung. Diese Verarbeitung erfolgt innerhalb der Grenzen des Wissens- und Erkenntnisstand seines Autors. Erinnerungen spiegeln deshalb weniger das wieder, was einmal gewesen ist, als das, was wir einem Vergangenem zuschreiben wollen. Erinnerungen, ob offiziell oder privat, ob als geschriebene Geschichte, als Zeugenaussage oder als Bild, sagen deshalb mehr über den, der erinnert aus als über das, an was sich erinnert wird.

Re - konstruktion
Mit der Installation von Jana Müller wird versucht sich an eine Hausdurchsuchung und an die dabei gefundenen Objekte zu erinnern. Die Rekonstruktion der Durchsuchung geschieht in Anlehnung an kriminalistische Verfahren, innerhalb derer der Fotografie, auch wenn der dokumentarische Charakter längst bezweifelt wurde, der Stellenwert eines Beweismittels zukommt. Auch wenn eine Fotografie während der verschiedenen Stadien ihrer Entstehung manipuliert werden kann, setzt das fotografische Abbild eine Realität voraus, die häufig fälschlicherweise mit Authentizität gleich gesetzt wird. Die Installation TAGEBUCH eins entlarvt dabei aber den Mythos von authentischer Information, indem eine Rekonstruktion anhand der einzelnen Puzzleteile unmöglich erscheint. Die Installation fördert keinen Wissensprozess über das Elternhaus der Künstlerin oder über ihre eigene Person, sie gibt lediglich vor, durch ihren dokumentarischen Charakter objektive Erkenntnisse zu schaffen. Die Erkenntnisse entstehen aber erst durch die Umdeutung und die Rekonstruktionsleistung des Betrachters, der die einzelnen Puzzleteile in einen Zusammenhang bringen möchte. Dieser Umdeutungsprozess ist bereits in dem Reproduktiven der Fotografie selbst inhärent. Dabei entsteht aber nicht die Rekonstruktion der Hausdurchsuchung sondern eine individuelle Geschichte, die vor allem etwas über die Projektionen auf den anderen aussagt. Erinnerungen und Rekonstruktionen erschienen in diesem Zusammenhang als nicht nur höchst subjektiv sondern auch als äußerst wandelbar und ungewiss.
 
Liian Engelmann aus dem Katalog Bilder 201, Fotogalerie Wien, 2003
 
 
 
 
 
 
 
 

2003 , Installation, Monitor, DVD 1:35 min Loop, Grundriss Mutterpause A1, Bodenmarkierung Klebeband , drei Farbfotografien je 120 cm x 140 cm gerahmt, zwei Farbfotografien je 40 cm x 40 cm gerahmt , Ausstellungsansicht Fotogalerie Wien

Vermisstensache

Jana MüllerJana Müller

"Die Person Jana Müller wird seit längerer Zeit vermißt. Es kann nicht eindeutig gesagt werden, wo sie das letzte Mal gesichtet wurde. Es sprechen keine Indizien dafür,daß Jana Müller in irgendeiner Weise auffällig wurde. Es gibt in regelmäßigen Zeiträumen,an verschiedenen Orten, Hinweise auf die Anwesenheit der Person. Jedoch verblassen die hinterlassenen Spuren in kürzester Zeit. Wir bitten die Bevölkerung um Mithilfe bei der Lösung dieses Vermisstenfalles. Durch verschiedenste Angaben, Hinweise und Auffälligkeiten, wird es vielleicht möglich sein, die Person konkret festzumachen und wieder ordnungsgemäß einzugliedern.“

 

2002 , Vermisstenplakat, Siebdruck 89 cm x 120 cm, Telefon und Anrufbeantworter, Videodokumentation DVD 10 min , Dokumenationsansicht, büro spors, Berlin

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