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Works

Traces of Truth

Jana MüllerJana MüllerJana MüllerJana Müller
DIE TOTEN SIND NICHT WIRKLICH, WIE AUCH DIE LEBENDEN NICHT.

 
Das kollektive Gedächtnis, im frühen 20. Jahrhundert von dem französischen Soziologen Maurice Halbwachs als Ableitung des von Émile Durkheim beschriebenen kollektiven Bewusstseins eingeführt – wobei das französische Wort conscience zugleich auch Gewissen meint –, war von Anfang an eng mit der Fotografie verknüpft. Das Medium ist wesentlich als Träger von Informationen über Dinge, Orte und Situationen, wobei es immer auch sinnstiftende Funktionen übernimmt. So lassen sich beispielsweise die Mehrzahl frühkindlicher Erinnerungen nicht etwa auf wirkliche Gedächtnisleistungen zurückführen, sondern darauf, dass man sich selbst auf Familienfotos gesehen hat. Souvenirs beziehungsweise mit bestimmten Erzählungen verbundene Objekte komplementieren diese Konstruktionen mit der Logik des Indizienbeweises.
 
An dieser Stelle setzt die Arbeit von Jana Müller an. Schon im Studium begann sie systematisch Bildarchive zu unterschiedlichen Objektgruppen anzulegen. Häuser und Fabriken, die verlassen und ausgeschlachtet einer ungewissen Zukunft harren, gehören genauso dazu wie die leergeräumte Schrankwand des eigenen Elternhauses. Irgendwann fanden auch die Dinge den Weg aus den Bildern ins Atelier. Es begann der Prozess zunehmender Abspaltung des Abbildes von der Realität, die Bilder entwickelten mehr und mehr ihr Eigenleben.  In Traces of Truth sind sie parallel oder gemeinsam mit den Dingen im beengten Milieu aquarienhafter Kuben oder zwischen Glasscheiben wie Proben unterm Mikroskop präsentiert und nehmen damit den Charakter von Indizien an, die ein Spiel mit den Assoziationen der Betrachter in Gang setzen. Analog zu einer starken Hinwendung der jüngeren Forschung zur materiellen Kultur – etwa in den Feldern Ethnologie, Archäologie oder Soziologie – erscheinen Objekte in dieser Konstellation als eigenständige Handlungsträger oder Akteure. Dinge rücken nicht mehr nur als Gegenstände des Gebrauchs in den Blick, sondern auch als Produzenten von Erkenntnissen und Erinnerungen, Bedeutungen und Werten. Angesichts ihres Gespürs für die Wirksamkeit von Dingen und Bildern war die inhaltliche Hinwendung der Künstlerin zum Verbrechen und seiner Aufklärung durch Beweismittel konsequent. Aber was bedeutet es, wenn Asservate oder polizeiliches Anschauungsmaterial ausgerechnet in einer Kunstausstellung auftauchen? Wenn Kunst sich auf die Spur des Verbrechens begibt?
 
Das öffentliche Interesse an echten Tatorten und Beweisobjekten aller Art jedenfalls ist immer groß. In der Ausstellung Traces of Truth folgt Jana Müller dieser Neugier in Bildern, Kollagen und Installationen. Doch entgegen dem Titel der Ausstellung handeln weder ihr neuer Film Spuren (28 min, 2019) noch die zentrale Installation A–Z | Es gibt nichts, was es nicht gibt (2015/2019) von der Suche nach einer wie auch immer gearteten Wahrheit. Vielmehr greift die Künstlerin die Faszination für wissenschaftliche Polizeiarbeit auf, wie sie sich in so vielen medialen Formaten niederschlägt, und entwickelt dies für ihre Zwecke weiter. Seit 2015 hat sie dafür in den Asservatenkammern der Republik – oft triviale Orte wie Garagen und leerstehende Geschäfte – unzählige Beweisstücke und die Art ihrer Verwahrung dokumentiert. So banal die einzelnen Objekte oft sind, der Lack des Bösen ist noch nicht ab. Genau wie die entsprechenden Fernsehserien, Podcasts und True Crime Novels rührt Jana Müllers Phänomenologie des Beweises an voraufklärerische Affekte. Doch anders als jene medialen Verarbeitungen versagt die Inszenierung den Betrachter*innen die Narration, die Erklärung und Aufklärung von Verbrechen. Konsequent werden einzelne Objekte isoliert, ihr asozialer, randständiger Charakter unterstrichen, andere bringt die Künstlerin in bühnenhaften Szenerien in neue Zusammenhänge. Jedes Bild, jede Installation wird so zur Keimzelle sublimer Vorstellungen, die den Dingen geradezu eschatologische Dimensionen verleihen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Resultat sind Fiktionen, die keinesfalls mit Fakes gleichzusetzen sind. Der Unterschied liegt darin, dass im besten Falle Fiktionen das aufzeigen können, was das Fake verschleiern will.
 
Ein zentrales Element in Müllers Erzählstrategie sind Glasplatten, auf denen die Künstlerin die Fundstücke am Boden und auf Tischen arrangiert. Erinnern sie zunächst an die Objektträger des Mikroskops oder die Vitrinen des naturhistorischen Ausstellungssaals, erweisen sie sich auf den zweiten Blick als keineswegs so versachlichend und neutralisierend: Auf die Platten sind monochrome, schemenhaft durchsichtige Abbildungen einzelner Beweisstücke gedruckt. Wie Nachbilder oder verblasste Erinnerungen schweben sie in einer scheinbar gasförmigen Hell-Dunkel-Existenz über und hinter ihren real präsenten Pendants. So wird den Dingen Aura verliehen. Die faktischen Objekte und unsere Vorstellung über sie werden in diesem visuellen Auftritt untrennbar miteinander verschnitten. So entstehen Mutmaßungen und Theorien, die eine Differenzierung hinsichtlich Herkunft und Kontext der Dinge weder erlauben noch brauchen.
Ähnlich geht die Künstlerin in dem Film Spuren vor. Ausgangsmaterial ist ein Lehrfilm der Polizei aus den 1950er Jahren. Die Architektur des aktuellen Filmbildes ist wieder eine doppelte, denn sie zeigt, in strenger Symmetrie, das historische Filmdokument samt dem Abspielgerät des Archivs als Projektion auf der Wand. In dieser Präsentation wirkt die Quelle, als kleines Bild im Zentrum das einzige Bewegte im Film, wie eine Mischung aus Altarbild und Puppentheater. Der Ton ist dem realen Ausstellungsraum zugeordnet und verwandelt diesen in eine akustische und visuelle Einheit von irritierender Intensität. Ein weiteres Mal kippt das Verhältnis von Bild und Objekt in den drei parallel projizierten Sequenzen desselben Films, in denen wie unter einem Vergrößerungsglas Hände unermüdlich versuchen, Scherben zusammenzusetzen, die – sicher nicht zufällig – zu einem Spiegel gehören. Auf einen an einer Wand lehnenden Stapel Glasscheiben projiziert, die vormals die Objekte aus Leichter Krimi (2010, neue Version 2019) trugen, existiert das Gefilmte jetzt nur mehr als Bild zwischen den Scheiben.
 
Unabhängig vom jeweiligen Aggregatzustand setzt sich überall in der Ausstellung eine suggestive Metaerzählung durch, die sich daraus speist, dass alle Objekte dem Bereich des Amoralischen entstammen und allein schon als Zeugnisse der Grenzüberschreitung faszinieren. Diese Dinge scheinen einen direkten Blick auf das Böse zu erlauben, auf undurchschaubare Machtapparate, auf Neben- und Parallelwelten. Gewiss, man mag sich beim Betrachten bei der eigenen voyeuristischen Lust ertappt fühlen, im Grunde genommen sind Neugier und Sensationslust aber doch zwei Aspekte eines der wichtigsten Grundimpulse zivilisatorischer Entwicklung – und etwas höchst Verbreitetes. Sie verleiten allerdings auch dazu, sich im anekdotischen Detail zu verlieren und so einen wichtigen Subtext von Traces of Truth zu übersehen. Jana Müller nimmt nämlich einen Forschungsstrang auf, den der Dresdner Staatsanwalt Erich Wulffen schon im letzten Jahrhundert in seinen Aufsätzen zur Kriminalpsychologie (Psychologie des Verbrechers, Berlin 1908/1913) begann und der erstmals mit wissenschaftlichem Anspruch Erkenntnisse der Psychologie in die Kriminologie einführte. Wulffen konstruierte damals einen Zusammenhang zwischen schöpferischer Kraft und krimineller Energie und vermutete interessanterweise, dass die triebhafte Egozentrik von Künstler*innen derjenigen von Psychopath*innen und Kriminellen gleiche, Ersteren in ihrer künstlerischen Arbeit und dem Werk aber eine objektive und sachliche Möglichkeit der Sublimierung zur Verfügung stehe. Für Müller schließt sich hier die Kernfrage an, inwieweit kriminelle und künstlerische Normverletzungen aktuell vergleichbar sind – und wie Bewusstsein oder Gewissen der Betrachter*innen auf die direkte Konfrontation mit den Bildern und Objekten ansprechen, wenn diese nicht mehr in ihre früheren Narrationen eingebettet sind.
 
Susanne Prinz
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

2019 , mixed-media-Installation , Ausstellung im Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Spuren

Jana Müller
2019 , Video, 28:00 min

A-Z | Es gibt nichts, was es nicht gibt

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2019 , sechs Schautafeln mit Fotografien und Text, gerahmt hinter Glas, je 130cm x 180cm x 5cm, vier Präsentationstische je 90cm x 125cm x 75cm, Holz, Farbe, Glas, bedrucktes Glas, Asservate , Dimension variabel

Das Material der klugen Köpfe

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Auf der Basis des Archivs der Ludwig Edinger-Stiftung Frankfurt ist die Installation mit dem doppeldeutigen Titel Das Material der klugen Köpfe entstanden. Dieses Archiv umfasst unter anderem eine große Porträtsammlung namhafter Neurologen vom 16. bis in das 20. Jahrhundert. Für die Künstlerin stellten sich generell die Fragen, wer und was warum vergessen wurde und wie kann sie mit der Materialfülle umgehen? Zumal in dieser Hinterlassenschaft eine politische Dimension von Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus liegt, die mit den Namen Hugo Spatz und Julius Hallervorden verbunden ist. Beide waren aktiv in das nationalsozialistische Euthanasie Programm eingebunden. Die Installation ist mit einer langen Arbeitsplatte und den darauf projizierten Porträts formal an ein Seziertisch und ein Mikroskop angelehnt. Untersucht wird hier jedoch kein menschliches Gewebe, sondern Archivmaterial. In Analogie zu den Methoden der Untersuchung menschlichen Hirngewebes sind die Projizierten Köpfe angeschnitten und eingefärbt. Während diese Bilder durch ein zersprungenes Glas in der Wahrnehmung gestört werden, lassen sich auch die vielen im Archivmaterial aufgelisteten Namen, die auf Glasplatten gedruckt wurden und sich an der Arbeitsplatte anlehnen und überschneiden, nur mühsam entziffern. Zwei mit Fotos aus dem Archiv bedruckte Papierbahnen auf dem Tisch werden von fragmentierten Reproduktionen auf Glasplatten gehalten. Sie zeigen die Bildnisse von Hugo Spatz und Julius Hallervorden. Auf dem Tisch liegt eine undefinierbare Masse.

Ausstellung: Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern, Historisches Museum Frankfurt/Main, 2019
Kurator*innen Jasmin Alley und Kurt Wettengl

 

2019 , Installation, Glas, Metall, Holz, Farbe, bedruckte Glasscheiben, Fine Art Prints, 270cm x 180cm x 210cm

ON ROUGH DIAMONDS

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On Rough Diamonds ist eine Ausstellung, welche den gesamten Raum der Galerie durch eine Reihe von Einzelwerken umfasst. Zusammen bilden sie eine Gesamtinstallation zu den Themen mit der sich die Künstlerin
beschäftigt: ihre Recherche und künstlerische Praxis verweist auf viele Parallelen zu den Herangehensweisen der Kriminologie und Forensik. So führt die Ausstellung den Besucher in einen hypothetischen Tatort, an dem Gegenstände und Bilder als geheimnisvolle Spuren von Indizien erscheinen. Sie fordern den Betrachter auf, sich auf die Suche nach deWahrheit oder scheinbaren Wahrheit zu machen, die sich hinter ihnen verbirgt. Jana Müller scheint von den dunklen Seiten von Mensch und Gesellschaft sowie von allen Manifestationen des Unbewussten und Unheimlichen angezogen zu werden, besonders wenn sie hinter der Fassade der Normalität lauern. Soziale Katastrophen und kollektive Ängste in ihrer Beziehung zu den Medien geben ihrer Arbeit Kraft, die wie eine Untersuchung mysteriöser Ereignisse zwischen Realität und Fiktion aussieht. Es werden neue
fotografische Arbeiten präsentiert, die einige der früheren Installationen der Künstlerin abbilden, um einen weiteren Kurzschluss, ein Spiegelspiel, zu schaffen. Müllers künstlerisches Werk wird selbst zum Beweis einer neuen fiktiven Erzählung, die sich nur bis zu einem gewissen Grad offenbart, niemals völlig. Die Erforschung der Wahrheit ist das eigentliche Thema der Künstlerin, wie ein seltener Rohdiamant, der den Menschen ebenso wie die Künstlerin zum ständigen Graben und Verhören drängt.     

Paolo Maria Deanesi

 

2017 , mixed-media-Installation, Ausstellung Paolo Maria Deanesi Gallery

They were always happy / They were never happy I and II

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2017 , Objekt, Textil, Glas, 50 cm x 110 cm x 14 cm und 70 cm x 90 cm x 14 cm , Ausstellungsansicht: Paolo Maria Deanesi Galerie

Talisman

Jana Müller

Die Künstlerin Jana Müller entwarf im Rahmen der Ausstellung „Hidden View“ ein magisch künstlerisches Konzept: In Anlehnung an die historischen Besonderheiten des Spielplatzes Hermann-Steinhäuser-Str./ Christian-Pleß-Straße in Offenbach, der einst ein Richtplatz war, bietet sie Talismane zum Erwerb an, die Glück (wenn man daran glaubt) ins Heim bringen sollen: Die Überlieferungen und Gerüchte darüber, dass die Offenbacherinnen und Offenbacher einst Holzsplitter des stillgelegten Galgens als Glücksbringer mitnahmen, verarbeitete die Künstlerin weiterführend konzeptuell: Kleine Tütchen mit von ihr handverlesenen Fundstücken vom sich dort nun befindlichen Spielplatzes können als Talismane, limitiert auf 300 Stück, gegen einen kleinen symbolischen Obolus erworben werden. Jana Müller beschreibt die Glückbringer in einem aufwendig gestalteten „Glücksbringer-Beipackzettel“ folgendermaßen:

„Den am ehemaligen Rabenstein in Offenbach gesammelten Objekten werden geheimnisvolle magische Käfte nachgesagt. Bewahrt man diese Gegenstände im Haus auf, gelten sie als glücksbringend für die ganze Familie. Jedoch sollte man sie sehr vorsichtig und respektvoll behandeln, außerdem gut pflegen, ansonsten bringen sie Unheil und Verderben. Am Wichtigsten ist es, dass die Objekte immer sichtbar sind und nicht in Schubladen oder Kisten verschwinden. Werden sie mit der Tüte an einer Wand im Haus aufgehängt, entfalten sie die Kraft zur Gegenliebe. Verliert man den Glauben an sie, sollte man sie gewinnbringend verkaufen. Falls die Glücksbringer drei Mal in Folge an andere Personen verschenkt werden, verlieren sie ihre Kraft und bringen Unglück.“

Die Talismane sind der zweite Teil der Arbeit, welche Jana Müller für Hidden View entwickelt hat. Rund um und auf dem Spielplatz im Senefelder Quartier hängen bedruckte Bündel aus LKW Planen und Textilien in den Bäumen. Jede Lage dieser seltsamen Früchte („Fruits“) präsentiert eine recherchierte Geschichte rund um den Richtplatz und um die Geschichte der Hinrichtungsstätten allgemein bis hin zur Jetztzeit. Die Windungen der einzelnen Bahnen lassen stets nur einen Teil des Bildes erahnen und wirken damit wie archäologische Fundstücke, die erst in ihrer Zusammensetzung eine spezifische Geschichte preisgeben.

Hidden View, Offenbach, 2016

2016 , Talisman, diverse Fundstücke, Plastiktüte, bedruckte Postkarte, 16 cm x 24 cm, Auflage 300

Fruits

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
2016 , Gesamtinstallation 7 Objekte, bedruckte LKW-Planen und Textilien, 7 bedruckte Namensschilder, Dimension variabel , Dokumentationsansicht: Ausstellung Hidden View, Offenbach

A-Z / Es gibt nichts, was es nicht gibt

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
A-Z / Es gibt nichts, was es nicht gibt

Während sie in ihren früheren Installationen Spuren fiktiver Tatorte inszeniert hat, bezieht Jana Müller in ihrem aktuellen Projekt „A–Z / Es gibt nichts, was es nicht gibt“ Relikte tatsächlicher Verbrechen in die Arbeit mit ein. Den Ausgangspunkt bilden dabei Asservate. Von lateinisch asservare („verwahren“) abgeleitet, bezeichnet dieser Begriff einen Gegenstand, der im Rahmen eines Strafverfahrens als Beweismittel beschlagnahmt und in einem speziell gesicherten Raum aufbewahrt wird.
Was dort alles vorzufinden ist, vermittelt der Titel der Arbeit, der die Worte eines Oberstaatsanwalts aufgreift. Die Künstlerin hat bisher die Asservatenkammern der Staatsanwaltschaft in Oldenburg, Lüneburg, Hildesheim, Frankfurt/Main, Karlsruhe und Halle/Saale besucht und dokumentiert. Diese „Archive des Verbrechens“ fungieren zugleich als Untersuchungsgegenstand und die Grundlage des Werkprozesses. Wie lässt sich diese Parallelwelt der Dinge, mitsamt den unsichtbaren Geschichten, die in sie eingeschrieben sind, erkunden und repräsentieren?
Bei der Begehung dieser Orte beobachtet und fotografiert Jana Müller sowohl die einzelnen Gegenstände als auch das Ganze, mit besonderem Augenmerk auf die zugrundeliegenden Ordnungssysteme und Verwaltungsweisen des Verbrechens.
Ferner sammelt sie Erinnerungen der Mitarbeiter der Asservatenkammern, die als Grundlage von Kurzgeschichten dienen. Diese kreisen um eine bestimmte Art von einstmaligen Asservaten, nämlich Kunstgegenstände, die auf verschiedenen Wegen einen neuen, unbekannten Kontext gefunden haben. In der Ausstellungsinstallation wird dieses Nebeneinander von Bildern, die stumme Dinge-als-Spuren zeigen und Texten, deren Bezugspunkt unsichtbar bleibt, durch „reale“ Gegenstände aus Asservatenkammern ergänzt. Der Betrachter begegnet Fragmenten und Momenten aus Migrationsprozessen der Asservate. Jener Dinge also, die in starkem Maße von wiederholten Ent- und Rekontextualisierungen gekennzeichnet sind. Somit entsteht ein wechselwirkungsreiches Ensemble aus verschiedenen Darstellungs-, Evokations- und Inszenierungsformen, das den Kreislauf der Dinge im Allgemeinen sowie unseren Zugang zu ihnen thematisch werden lässt. 
 
Vanja Sisek, 2016

2016 , work in progress seit 2015 , Ausstellungsansicht „loose control“, Montagehalle, Braunschweig

Jane Doe

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
Jana Müller. Archäologie des Verbrechens

Reliquiengleich präsentieren sich die alltäglichen Kleidungsstücke der Arbeit Jane Doe (2015) auf dem akkurat rechteckig geschnittenen, dunklen und nahezu ebenerdigen Sockel, die sorgsam von schützendem Glas bedeckt werden. Der auffällige Gegensatz von dem geringen materiellen Wert der Textilien zu ihrer exponierten Stellung mit seiner bewahrenden, gläsernen Oberfläche offenbart die übergeordnete Bedeutung des industriell gehäkelten Sommerkleides, das aus aneinandergeknüpften altrosa und weißen Blüten mit gelben Dotter, durchsetzt von lindgrünem textilen Blattwerk, besteht. Noch deutlicher zeigt sich diese Diskrepanz der drei teilweise beschädigten Strumpfhosen, die sich sorgsam drapiert unmittelbar daneben befinden. Jeweils eine Farbnuance der floralen Elemente des Kleides aufgreifend, liegen sie leicht versetzt übereinandergeschichtet und sind durch einzelne Glasscheiben voneinander separiert. Diese Segmentierung bewirkt eine assoziative Verschiebung vom aufgefundenen Gebrauchsgegenstand über eine pseudoikonische Verehrung als vermeintliche Berührungsreliquie [*] hin zum forensischen Beweisstück.
Mittels kleiner formaler Interventionen enthebt die 1977 in Halle/Saale geborene Künstlerin Jana Müller den Gebrauchsgegenstand seiner eigentlichen Funktion und transformiert ihn zum Ausstellungsexponat und noch stärker zum Bedeutungsträger. Indem die Wahlberlinerin den Gegenstand zunächst entkontextualisiert, eröffnet sie die Ebene für eine sensibilisierte Neubetrachtung, während die inszenatorische Präsentation auf seinen besonderen Stellenwert verweist. Plötzlich nimmt der Betrachter die genaue Position der Kleidungsstücke und stärker noch ihre äußere Anordnung wahr. Obwohl die durchsichtigen Glasscheiben einen Blick auf das gesamte Arrangement erlauben, ist es ihre trennende Funktion, die maßgeblich die Suggestion eines kriminalistischen Tatorts erweckt. Kleid und Strumpfhosen fungieren als transponiertes pars pro toto des menschlichen Körpers, in dem deren zunehmend gewaltvoll erscheinende Drapierung das Exponat zum Asservat wandelt.
Indem Jana Müller den Kleidungsstücken (erstmals) eine auf Glas gedruckte Fotografie aus einem amerikanischen Pressearchiv hinzufügt, erweitert sie das imaginative Spiel kriminalistischer Assoziationen und weist gleichsam auf den medialen Einfluss hin, der die Ausdeutung der Exponate maßgeblich steuert. Ohne die Fotografie oder ihr Genre bewusst wahrzunehmen, sind es zunächst Motiv und Platzierung, die dem Kleid eine konkrete Trägerin zuzuordnen scheinen. So ist der Oberkörper einer weiblichen Person auf der Fotografie anatomisch derart angeordnet, als trüge sie das Kleid. Die Glasscheiben ermöglichen dabei eine Verschmelzung von Aufnahme und Objekt, was die erste Illusion eines kriminalistischen Schauplatzes durch ein vermeintlich liegendes Tatopfer stärkt. Wie der Titel Jane Doe, der im amerikanischen Sprachgebrauch eine fiktive oder nicht identifizierte weibliche Person bezeichnet, bereits nahelegt, ist auch die Dargestellte auf der Fotografie bei Jana Müller nicht zu erkennen. Verhüllt durch Tuch oder Mantel verbirgt sie ihr Antlitz vor neugierigen Blicken. Dabei verschwimmen die medialen Textilien mit dem rosafarbenen Innenfutter des geblümten Kleides, das sich, nach außen gestülpt, um den Kopf der Dargestellten windet. Die nach außen gedrehte Innenhaut des Kleides ist ihrer Schutzfunktion beraubt, was ebenso wie die deutliche Beschädigung der obersten Strumpfhose den Eindruck von latenter Gewalt evoziert, die von dem Exponat auszugehen scheint. Dennoch ist es der Rezipient, der durch sein medialisiertes Bildergedächtnis die subtil-suggestive Arbeit zum Tatort montiert.
Auf der Suche nach dem Ausgangspunkt von Erinnerungen setzt sich Jana Müller auch in dem Werk Man and Woman (2015) mit Archivmaterial der 1950er Jahre aus Hollywood auseinander. Die aus Sicht von Pressefotografen aufgenommenen Schwarzweiß-Fotografien zeigen verschiedene Szenen von Beklagten vor sowie während ihrer Überführung in den Gerichtssaal oder darin wartend. Die Künstlerin vergrößert die historischen Pressebilder, in denen die Dargestellten versuchen, ihre Identität durch Bedecken ihrer Gesichter zu schützen, und druckt sie u.a. direkt auf Glas. Diese annährend lebensgroßen Formate führen den Betrachter vom Bildgegenstand weg und machen die Schaulust zum eigentlichen Gegenstand der Betrachtung. Denn weder offenbaren die vergrößerten Aufnahmen die Art des mutmaßlichen Verbrechens noch enthüllen sie die jeweilige Identität der Abgebildeten. Vielmehr suggerieren sie dem Betrachter durch die stereotypen Aufnahmen ein Gefühl der Vertrautheit und die Verheißung auf Enthüllung, in der Regel durch die textuelle Untermalung von journalistischer Seite. In diesem Zusammenschluss wird die singuläre Fotografie in einen konkreten (Tat-)Zusammenhang gestellt und das Bild gewissermaßen entschlüsselt. Das Fehlen dieser Information wirft den Betrachter zurück auf die Wahrnehmungsebene und befragt den eigentlichen Bildgegenstand. Was ist tatsächlich dargestellt, und ab wann beginnt die mediale Sozialisation zu wirken?
In der Arbeit Man and Woman (2015) verleiht Jana Müller den originär statischen Aufnahmen überdies einen filmisch anmutenden Bewegungsmoment, indem sie drei bedruckte Glasscheiben mit identischem, jedoch leicht versetztem Motiv hintereinander stellt. Je nach Perspektive erscheinen die abgelichteten Personen – ein Mann und eine Frau, die beide ihr Gesicht vor dem Kameraauge verbergen – relativ deutlich, um beim kleinsten Standortwechsel in der scheinbaren Bewegung zu verschwimmen. Trübt die besondere Art der Präsentation den fotografischen Gegenstand oder ist es der Betrachter selbst, der je nach Standpunkt die Sicht darauf verändert? Jana Müller vertieft die Frage nach der Rolle des Betrachters innerhalb seiner medialen Prägung, indem sie die der Bewegung innewohnende Narration formal visualisiert.

[*] Gegenstände oder Kleidungsstücke, die von Heiligen berührt wurden.

2015 , Objekt, Glas, Textil, bedruckte Glasscheibe , 86 cm × 110 cm × 7 cm , Ausstellungsansicht "Dear Darkness", Michael Fuchs Galerie, Berlin

Man and Woman

Jana MüllerJana Müller

Der amerikanische Journalist und Medienkritiker Walter Lippmann wies 1922 in seinem Werk Public Opinion[1] darauf hin, dass der Mensch bereits eine von Erziehung geprägte medial vermittelte Vorstellung von Welt besitzt, noch bevor er einen Seh- oder Erlebnishorizont entwickelt hat. Lippmann betont insbesondere den Einfluss der Massenmedien, die durch Auswahl, Reduktion, Häufigkeit und Wiederholung die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Umwelt zu einem großen Teil beeinflussen und steuern[2]. Dabei suggerieren sie in bestimmten Formaten wie Zeitungen, Fotografien oder Dokumentarfilmen einen vordergründigen Grad an Objektivität sowie Authentizität, die subversiv die Bilder im Kopf entwickeln, leiten und manifestieren, welche zwar nicht der Realität entsprechen, diese jedoch zunehmend ersetzen.[3]
Durch die Aneignung und Übertragung der Pressefotografien in den Ausstellungsraum sowie ihre formale Überhöhung und den narrativen Impetus durch die filmische Bewegung offenbart Jana Müller die mediale Infiltrierung, in der sich Fiktion und Faktisches zu einer niemals endenden Geschichte zusammenschließen.
 
Den konstatierten prozessualen Akt gibt die Künstlerin dramaturgisch vor und beweist die von Ernst Gombrich beschriebene Erwartungshaltung an Medium und Stil eines Werks. An Edward C. Tolmans und Egon Brunswiks Idee des „Adaptionsniveaus“[4], die neben den bekannten Faktoren von kultureller Prägung, Konvention und Erfahrungswert eine stilbedingte Erwartungshaltung impliziert, knüpft auch Gombrich argumentativ an. „Genau wie eine Kultur oder eine Weltanschauung erzeugt auch ein Stil ein System von Erwartungen, eine Einstellung, die gegenüber Abweichungen und Modifikationen geradezu übertrieben empfindlich ist. [...] Wir nähern uns einem Kunstwerk mit vorweg eingestelltem ‚Empfangsapparat’. Wir erwarten ein bestimmtes System von Zeichen und Konventionen und sind darauf vorbereitet, sie aufzufassen und zu deuten.“[5] So stellt bereits der Stil, also das Medium und seine (formale) Umsetzung, vergleichbare Erwartungshaltungen an ein Werk wie die kulturelle Prägung. Dabei konstituiert sich das Adaptionsniveau durch die individuelle Erfahrung und Erinnerung, die je nach Umfeld und gesellschaftlicher Prägung variiert und somit die Unterschiede in der Wahrnehmung erklärt.
Jana Müller begibt sich auf Spurensuche und legt gleichzeitig imaginative Fährten. Sie erfindet und erzählt Geschichten, lockt den Betrachter und negiert die eindeutige Auflösung. Sie seziert den Gegenstand, legt ihn einer Laborprobe gleich unter Glas und verweist dabei auf die Leerstellen, auf das Off. Der Rezipient wird durch Jana Müller zum Zeugen und Täter, je nachdem, was unter der eigenen Oberfläche lauert.

Nadia Ismail, 2016

[1] Lippmann, Walter: Public Opinion. New York 1922. Deutsche Ausgabe: Lippmann, Walter: Die öffentliche Meinung. In der Reihe Bochumer Studien zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft Hrsg. von Heinz-Dietrich Fischer. Band 63. Bochum 1990. Darin führt Lippman erstmals den Begriff des Stereotypen in den sozialwissenschaftlichen Diskurs ein. Der Begriff Stereotyp ist nicht eindeutig definitorisch festgelegt, sondern erhält je nach Kontext eine leicht variierende, übergeordnete Ausdeutung. Namentlich geht der Sterotyp auf das Jahr 1798 zurück, als Bezeichung für ein neues Druckverfahren, in dem das Herstellen und Ausgießen von preiswerten Matrizen (Matern) die Mehrfachverwendung für die Stereotypenplatte erleichtert. Vgl. u.a. Petersen, Lars-Eric/ Six, Bernd: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Weinheim, Basel 2008, S. 21.
[2] Lippmann [1922], S. 228; Deutsche Ausgabe Fischer [1990], S. 241.
[3] Vgl. Sielschot, Stephan: Stereotypen-Framing – Eine theorienintegrative und interdisziplinäre
Analyse der Zeitungsberichterstattung über marginalisierte soziale Gruppen. Phil.Diss. Marburg 2012, S. 24–28.
[4] Vgl. Tolman, Edward C./Brunswik, Egon: The organism and the causal texture of the environment, in: Psychological Review 1935, Vol. 42. No. 1. S. 43–77. Nach Zschocke, Nina: Der Irritierte Blick. Kunstrezeption und Aufmerksamkeit. München 2006, S. 31.
[5] Gombrich, Ernst: Kunst und Ilusion. Zur Psychologie der bildlichen Darstellung. Stuttgart, Zürich 1978 (Erstausgabe 1959), S. 9, zitiert nach Zschocke, Nina: Der Irritierte Blick. Kunstrezeption und Aufmerksamkeit. München 2006, S. 31.

2015 , Objekt, Glas bedruckt, Wandboard , 45 cm x 62 cm x 4 cm, 3-teilig

Bonbon I und II

Jana Müller
2015 , Glas, Textil, Schaunstoff , 50 x 65 x 30 cm, Ausstellungsansicht Kunstraum Düsseldorf

Schmutzige Wäsche (Brüssel)

Jana MüllerJana Müller

Jana müller’s oeuvre explores memory, the cinematic, and storytelling, the human being between public and private space and the construction of identity lie at the heart of her works. the artist lays out clues and evidence that evoke numerous tales. For her work Dirty Laundry Jana müller borrowed a container of dirty laundry from a hotel close to the exhibition space. the piece has an enormous sculptural presence, but it is also ephemeral and refers to intangibility. the dirty laundry symbolizes intimacy and seems full of secret stories. so the work is like an investigation of the human being. the sheets in a clean state mirror luxury, while in a dirty state they evoke disgust, until they are clean again. the container, used for the transportation of things, refers to a shift of contexts and to change — e.g. the change of value.
 
 
Marion Scharmann
, 2015

2015 , georderter Gittercontainer, benutzte Hotelwäsche , Ausstellungsansicht "BCC", Auktionshaus Lempertz, Brüssel

Black Doris

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
2015 , Objekt, Glas, Textil, bedruckte Glasscheibe , 120 cm x 150 cm x 5 cm , Ausstellungsansicht "Open Studios", Kreuzhöfe, Braunschweig

Gib den Raben Futter

Jana Müller
2014 , Objekt, Glas, Textil, Schuhe , 100 cm x 120 cm , Ausstellingsansicht "Art Cologne", Köln

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