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Works

They were always happy / They were never happy I und II

Jana MüllerJana Müller
2017 , Objekt, Textil, Glas, 50 cm x 110 cm x 14 cm und 70 cm x 90 cm x 14 cm , Ausstellungsansicht: Paolo Maria Deanesi Galerie

Talisman

Jana Müller

Die Künstlerin Jana Müller entwarf im Rahmen der Ausstellung „Hidden View“ ein magisch künstlerisches Konzept: In Anlehnung an die historischen Besonderheiten des Spielplatzes Hermann-Steinhäuser-Str./ Christian-Pleß-Straße in Offenbach, der einst ein Richtplatz war, bietet sie Talismane zum Erwerb an, die Glück (wenn man daran glaubt) ins Heim bringen sollen: Die Überlieferungen und Gerüchte darüber, dass die Offenbacherinnen und Offenbacher einst Holzsplitter des stillgelegten Galgens als Glücksbringer mitnahmen, verarbeitete die Künstlerin weiterführend konzeptuell: Kleine Tütchen mit von ihr handverlesenen Fundstücken vom sich dort nun befindlichen Spielplatzes können als Talismane, limitiert auf 300 Stück, gegen einen kleinen symbolischen Obolus erworben werden. Jana Müller beschreibt die Glückbringer in einem aufwendig gestalteten „Glücksbringer-Beipackzettel“ folgendermaßen:

„Den am ehemaligen Rabenstein in Offenbach gesammelten Objekten werden geheimnisvolle magische Käfte nachgesagt. Bewahrt man diese Gegenstände im Haus auf, gelten sie als glücksbringend für die ganze Familie. Jedoch sollte man sie sehr vorsichtig und respektvoll behandeln, außerdem gut pflegen, ansonsten bringen sie Unheil und Verderben. Am Wichtigsten ist es, dass die Objekte immer sichtbar sind und nicht in Schubladen oder Kisten verschwinden. Werden sie mit der Tüte an einer Wand im Haus aufgehängt, entfalten sie die Kraft zur Gegenliebe. Verliert man den Glauben an sie, sollte man sie gewinnbringend verkaufen. Falls die Glücksbringer drei Mal in Folge an andere Personen verschenkt werden, verlieren sie ihre Kraft und bringen Unglück.“

Die Talismane sind der zweite Teil der Arbeit, welche Jana Müller für Hidden View entwickelt hat. Rund um und auf dem Spielplatz im Senefelder Quartier hängen bedruckte Bündel aus LKW Planen und Textilien in den Bäumen. Jede Lage dieser seltsamen Früchte („Fruits“) präsentiert eine recherchierte Geschichte rund um den Richtplatz und um die Geschichte der Hinrichtungsstätten allgemein bis hin zur Jetztzeit. Die Windungen der einzelnen Bahnen lassen stets nur einen Teil des Bildes erahnen und wirken damit wie archäologische Fundstücke, die erst in ihrer Zusammensetzung eine spezifische Geschichte preisgeben.

Hidden View, Offenbach, 2016

2016 , Talisman, diverse Fundstücke, Plastiktüte, bedruckte Postkarte, 16 cm x 24 cm, Auflage 300

Fruits

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
2016 , Gesamtinstallation 7 Objekte, bedruckte LKW-Planen und Textilien, 7 bedruckte Namensschilder, Dimension variabel , Dokumentationsansicht: Ausstellung Hidden View, Offenbach

A-Z / Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
A-Z / Es gibt nichts, was es nicht gibT.

Während sie in ihren früheren Installationen Spuren fiktiver Tatorte inszeniert hat, bezieht Jana Müller in ihrem aktuellen Projekt „A–Z / Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Relikte tatsächlicher Verbrechen in die Arbeit mit ein. Den Ausgangspunkt bilden dabei Asservate. Von lateinisch asservare („verwahren“) abgeleitet, bezeichnet dieser Begriff einen Gegenstand, der im Rahmen eines Strafverfahrens als Beweismittel beschlagnahmt und in einem speziell gesicherten Raum aufbewahrt wird.
Was dort alles vorzufinden ist, vermittelt der Titel der Arbeit, der die Worte eines Oberstaatsanwalts aufgreift. Die Künstlerin hat bisher die Asservatenkammern der Staatsanwaltschaft in Oldenburg, Lüneburg, Hildesheim, Frankfurt/Main, Karlsruhe und Halle/Saale besucht und dokumentiert. Diese „Archive des Verbrechens“ fungieren zugleich als Untersuchungsgegenstand und die Grundlage des Werkprozesses. Wie lässt sich diese Parallelwelt der Dinge, mitsamt den unsichtbaren Geschichten, die in sie eingeschrieben sind, erkunden und repräsentieren?
Bei der Begehung dieser Orte beobachtet und fotografiert Jana Müller sowohl die einzelnen Gegenstände als auch das Ganze, mit besonderem Augenmerk auf die zugrundeliegenden Ordnungssysteme und Verwaltungsweisen des Verbrechens.
Ferner sammelt sie Erinnerungen der Mitarbeiter der Asservatenkammern, die als Grundlage von Kurzgeschichten dienen. Diese kreisen um eine bestimmte Art von einstmaligen Asservaten, nämlich Kunstgegenstände, die auf verschiedenen Wegen einen neuen, unbekannten Kontext gefunden haben. In der Ausstellungsinstallation wird dieses Nebeneinander von Bildern, die stumme Dinge-als-Spuren zeigen und Texten, deren Bezugspunkt unsichtbar bleibt, durch „reale“ Gegenstände aus Asservatenkammern ergänzt. Der Betrachter begegnet Fragmenten und Momenten aus Migrationsprozessen der Asservate. Jener Dinge also, die in starkem Maße von wiederholten Ent- und Rekontextualisierungen gekennzeichnet sind. Somit entsteht ein wechselwirkungsreiches Ensemble aus verschiedenen Darstellungs-, Evokations- und Inszenierungsformen, das den Kreislauf der Dinge im Allgemeinen sowie unseren Zugang zu ihnen thematisch werden lässt. 
 
Vanja Sisek, 2016

2016 , work in progress seit 2015 , Ausstellungsansicht „loose control“, Montagehalle, Braunschweig

Jane Doe

Jana MüllerJana MüllerJana Müller
Jana Müller. Archäologie des Verbrechens

Reliquiengleich präsentieren sich die alltäglichen Kleidungsstücke der Arbeit Jane Doe (2015) auf dem akkurat rechteckig geschnittenen, dunklen und nahezu ebenerdigen Sockel, die sorgsam von schützendem Glas bedeckt werden. Der auffällige Gegensatz von dem geringen materiellen Wert der Textilien zu ihrer exponierten Stellung mit seiner bewahrenden, gläsernen Oberfläche offenbart die übergeordnete Bedeutung des industriell gehäkelten Sommerkleides, das aus aneinandergeknüpften altrosa und weißen Blüten mit gelben Dotter, durchsetzt von lindgrünem textilen Blattwerk, besteht. Noch deutlicher zeigt sich diese Diskrepanz der drei teilweise beschädigten Strumpfhosen, die sich sorgsam drapiert unmittelbar daneben befinden. Jeweils eine Farbnuance der floralen Elemente des Kleides aufgreifend, liegen sie leicht versetzt übereinandergeschichtet und sind durch einzelne Glasscheiben voneinander separiert. Diese Segmentierung bewirkt eine assoziative Verschiebung vom aufgefundenen Gebrauchsgegenstand über eine pseudoikonische Verehrung als vermeintliche Berührungsreliquie [*] hin zum forensischen Beweisstück.
Mittels kleiner formaler Interventionen enthebt die 1977 in Halle/Saale geborene Künstlerin Jana Müller den Gebrauchsgegenstand seiner eigentlichen Funktion und transformiert ihn zum Ausstellungsexponat und noch stärker zum Bedeutungsträger. Indem die Wahlberlinerin den Gegenstand zunächst entkontextualisiert, eröffnet sie die Ebene für eine sensibilisierte Neubetrachtung, während die inszenatorische Präsentation auf seinen besonderen Stellenwert verweist. Plötzlich nimmt der Betrachter die genaue Position der Kleidungsstücke und stärker noch ihre äußere Anordnung wahr. Obwohl die durchsichtigen Glasscheiben einen Blick auf das gesamte Arrangement erlauben, ist es ihre trennende Funktion, die maßgeblich die Suggestion eines kriminalistischen Tatorts erweckt. Kleid und Strumpfhosen fungieren als transponiertes pars pro toto des menschlichen Körpers, in dem deren zunehmend gewaltvoll erscheinende Drapierung das Exponat zum Asservat wandelt.
Indem Jana Müller den Kleidungsstücken (erstmals) eine auf Glas gedruckte Fotografie aus einem amerikanischen Pressearchiv hinzufügt, erweitert sie das imaginative Spiel kriminalistischer Assoziationen und weist gleichsam auf den medialen Einfluss hin, der die Ausdeutung der Exponate maßgeblich steuert. Ohne die Fotografie oder ihr Genre bewusst wahrzunehmen, sind es zunächst Motiv und Platzierung, die dem Kleid eine konkrete Trägerin zuzuordnen scheinen. So ist der Oberkörper einer weiblichen Person auf der Fotografie anatomisch derart angeordnet, als trüge sie das Kleid. Die Glasscheiben ermöglichen dabei eine Verschmelzung von Aufnahme und Objekt, was die erste Illusion eines kriminalistischen Schauplatzes durch ein vermeintlich liegendes Tatopfer stärkt. Wie der Titel Jane Doe, der im amerikanischen Sprachgebrauch eine fiktive oder nicht identifizierte weibliche Person bezeichnet, bereits nahelegt, ist auch die Dargestellte auf der Fotografie bei Jana Müller nicht zu erkennen. Verhüllt durch Tuch oder Mantel verbirgt sie ihr Antlitz vor neugierigen Blicken. Dabei verschwimmen die medialen Textilien mit dem rosafarbenen Innenfutter des geblümten Kleides, das sich, nach außen gestülpt, um den Kopf der Dargestellten windet. Die nach außen gedrehte Innenhaut des Kleides ist ihrer Schutzfunktion beraubt, was ebenso wie die deutliche Beschädigung der obersten Strumpfhose den Eindruck von latenter Gewalt evoziert, die von dem Exponat auszugehen scheint. Dennoch ist es der Rezipient, der durch sein medialisiertes Bildergedächtnis die subtil-suggestive Arbeit zum Tatort montiert.
Auf der Suche nach dem Ausgangspunkt von Erinnerungen setzt sich Jana Müller auch in dem Werk Man and Woman (2015) mit Archivmaterial der 1950er Jahre aus Hollywood auseinander. Die aus Sicht von Pressefotografen aufgenommenen Schwarzweiß-Fotografien zeigen verschiedene Szenen von Beklagten vor sowie während ihrer Überführung in den Gerichtssaal oder darin wartend. Die Künstlerin vergrößert die historischen Pressebilder, in denen die Dargestellten versuchen, ihre Identität durch Bedecken ihrer Gesichter zu schützen, und druckt sie u.a. direkt auf Glas. Diese annährend lebensgroßen Formate führen den Betrachter vom Bildgegenstand weg und machen die Schaulust zum eigentlichen Gegenstand der Betrachtung. Denn weder offenbaren die vergrößerten Aufnahmen die Art des mutmaßlichen Verbrechens noch enthüllen sie die jeweilige Identität der Abgebildeten. Vielmehr suggerieren sie dem Betrachter durch die stereotypen Aufnahmen ein Gefühl der Vertrautheit und die Verheißung auf Enthüllung, in der Regel durch die textuelle Untermalung von journalistischer Seite. In diesem Zusammenschluss wird die singuläre Fotografie in einen konkreten (Tat-)Zusammenhang gestellt und das Bild gewissermaßen entschlüsselt. Das Fehlen dieser Information wirft den Betrachter zurück auf die Wahrnehmungsebene und befragt den eigentlichen Bildgegenstand. Was ist tatsächlich dargestellt, und ab wann beginnt die mediale Sozialisation zu wirken?
In der Arbeit Man and Woman (2015) verleiht Jana Müller den originär statischen Aufnahmen überdies einen filmisch anmutenden Bewegungsmoment, indem sie drei bedruckte Glasscheiben mit identischem, jedoch leicht versetztem Motiv hintereinander stellt. Je nach Perspektive erscheinen die abgelichteten Personen – ein Mann und eine Frau, die beide ihr Gesicht vor dem Kameraauge verbergen – relativ deutlich, um beim kleinsten Standortwechsel in der scheinbaren Bewegung zu verschwimmen. Trübt die besondere Art der Präsentation den fotografischen Gegenstand oder ist es der Betrachter selbst, der je nach Standpunkt die Sicht darauf verändert? Jana Müller vertieft die Frage nach der Rolle des Betrachters innerhalb seiner medialen Prägung, indem sie die der Bewegung innewohnende Narration formal visualisiert.

[*] Gegenstände oder Kleidungsstücke, die von Heiligen berührt wurden.

2015 , Objekt, Glas, Textil, bedruckte Glasscheibe , 86 cm × 110 cm × 7 cm , Ausstellungsansicht "Dear Darkness", Michael Fuchs Galerie, Berlin
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